Badstubenkultur in Hohenlohe und Tauberfranken im Blick - 35. Tag der Heimatforschung war ein voller Erfolg
Eine große Zahl heimatgeschichtlich interessierter Menschen hat vor kurzem am 35. Tag der Heimatforschung teilgenommen. Es handelt sich um eine gemeinsame Veranstaltung des Landkreises und des Archivverbunds Main-Tauber. In diesem Jahr stand die Badstubenkultur vergangener Jahrhunderte in Hohenlohe und Tauberfranken im Mittelpunkt. Mit dem Schlösschen im Hofgarten in Wertheim wurde ein Tagungsort genutzt, der später selbst noch zum Besichtigungsobjekt wurde.
Erster Landesbeamter Florian Busch wies in Vertretung von Landrat Christoph Schauder auf die sozial- und kulturgeschichtliche Bedeutung der Bader für die mittelalterliche und frühneuzeitliche Gesellschaft hin. Markus Herrera Torrez weitete in seiner Funktion als Oberbürgermeister der Stadt Wertheim und als Vorsitzender des Stiftungsrats der Stiftung Schlösschen im Hofgarten den Blick von Wertheim nach Europa, wo im Zusammenhang mit Klimawandel, Wasserknappheit und steigendem Energiebedarf gemeinsame Badeeinrichtungen wieder neu diskutiert werden. Archivleiterin Dr. Monika Schaupp dankte in ihrer Ansprache den Anwesenden für ihr ehrenamtliches Engagement in der Heimatpflege und machte gleich auf das umfangreiche Veranstaltungsprogramm des Archivverbunds für 2026 aufmerksam.
Referent Ralf Rossmeissl vom Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim führte in seinem mit zahlreichen Beispielen aus der Region angereicherten Vortrag „Dicht gepflastert – Badstubenkultur in Hohenlohe und Tauberfranken seit dem Mittelalter“ die Zuhörer in frühere Zeiten der Körperhygiene zurück. Seine intensiven Forschungen zu Badstuben im fränkischen Raum erbrachten fast 1200 Belege für solche Einrichtungen. Jedes größere Dorf, jede Stadt verfügte in früheren Zeiten darüber. Diese Institutionen waren nicht nur Stätten der Körperreinigung, sondern auch Kommunikationsorte, an denen sich Männer und Frauen gleichermaßen trafen – wenn auch in getrennten Räumlichkeiten. Der Hausforscher verwies die weit verbreitete Ansicht, dass in Badstuben regelmäßig sexuelle Dienstleistungen angeboten wurden, ins Reich der Fantasie. Nur ein einziger Fall sei ihm im Rahmen seiner Forschungen dazu begegnet, pikanterweise handelte es sich dabei um eine Badstube des Fürstbischofs von Würzburg.
Forschungen zu Badern und ihrem Arbeitsplatz sind laut Rossmeissl durch die Ortsgebundenheit der Einrichtung gut aus archivalischen Quellen zu erarbeiten. Seit etwa 1350 lassen sich diese im Schriftgut nachweisen. Die sich als Handwerker verstehenden Bader, die außer der Körperreinigung auch medizinische Behandlungen wie Aderlass, Schröpfen und Wundversorgung boten, waren in Zünften organisiert. Da es in der Regel meist nur einen Bader und Wundarzt an einem Ort gab – Ausnahmen bildeten größere Kommunen – erstreckte sich der Zunftbereich über ein größeres Gebiet und war nicht auf eine Stadt begrenzt. Ein Beispiel dafür ist unter anderem die Zunft der Bader- und Wundärzte der Stadt und der Grafschaft Wertheim.
„In den Badstuben wurden in der Regel auch keine ausgiebigen Bäder genommen, man muss sich diese vielmehr als Schwitzstuben vorstellen, ähnlich wie heutige Saunen. Ein Vollbad im Badezuber konnten sich nur Begüterte leisten“, erklärte Ralf Rossmeissl.
Krisenzeiten öffentlicher Badstuben gab es laut dem Referenten unter anderem durch sich ausbreitende Seuchen. So begünstigte die Verwendung der Schröpfköpfe in Badstuben um 1500 die Verbreitung der Syphilis. Die Verteuerung des Brennholzes, das zur Befeuerung der Schwitzbadeöfen benötigt wurde, führte ebenfalls dazu, dass dieses Betätigungsfeld eingestellt wurde.
Aus Baderfamilien gingen im 19. Jahrhundert mit der zunehmenden Akademisierung des Medizinalpersonals viele Ärzte hervor, aber noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts gab es vor allem im ländlichen Raum wirkende Bader. Diese waren oftmals die einzig verfügbaren medizinischen Helfer und noch dazu kostengünstiger als ein Arzt.
Dem Vortrag schlossen sich zwei parallele Führungen an. Eine Gruppe widmete sich mit Dr. Jörg Paczkowski, dem langjährigen Leiter des Grafschaftsmuseums Wertheim und bis 2021 auch Kurator des Schlösschens, der Baugeschichte des Rokokoschlösschens. Dieses wurde 1777 als „bewohnte Orangerie“ und Sommeraufenthalt errichtet und später im klassizistischen Stil umgebaut. Vom Gebäude ging es dann auf einen Rundgang durch den Anfang des 19. Jahrhunderts angelegten Englischen Landschaftspark, der heute noch in einem kleinen Rest erhalten ist. Der Park entstand als „Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“ für die Wertheimer Bevölkerung im wirtschaftlich schwierigen Hungerjahr 1816/17 und erstreckte sich mit fast 50 Hektar bis zur Wertheimer Burg. Gewohnt faktenreich und mit vielen, die jeweilige Zeit besonders anschaulich illustrierenden Geschichten und Anekdoten gelang es Dr. Paczkowski, den Teilnehmern den durchkomponierten Park lebendig vorzustellen.
Eine zweite Gruppe folgte Kreisarchivarin und Kreisheimatpflegerin Claudia Wieland auf den Spuren ehemaliger Stätten Wertheimer Badekultur ins Stadtzentrum und in das Viertel jenseits der Tauber. Da von den allermeisten der vorgestellten Einrichtungen keine baulichen Zeugnisse mehr erhalten sind, veranschaulichten Fotos aus den Beständen des Stadtarchivs die vorgetragenen Informationen. Die Schwimmanstalt auf dem Main, das Areal des mittelalterlichen Badehauses in der Eichelgasse, die Mikwe am Neuplatz, das Tauberschwimmbad und die drei Standorte des 1909 zunächst in der Bismarckstraße errichteten Volksbads waren Ziele des Rundgangs.
Zum Abschluss trafen sich die Teilnehmenden wieder am Tagungsort, wo der 35. Tag der Heimatforschung mit einem vom Landkreis ausgerichteten Empfang ausklang.