Aus Kenia ins Taubertal: 64 junge Menschen lernen Pflegeberuf - Positive Bilanz
Für sechs junge Männer und Frauen aus Kenia war es ein mutiger Schritt: Im April 2024 starteten sie die Pflegeausbildung im Bildungszentrum am Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim. Sie waren die Vorreiter eines Projekts, das sich in den vergangenen zweieinhalb Jahren zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt hat. Bei einem Symposium unter dem Titel „Grenzen überwinden – Fachkräfte ausbilden – Zukunft sichern“ in der Aula des Caritas-Krankenhauses zogen jetzt alle Beteiligten eine positive Bilanz.
Aus den sechs kenianischen Auszubildenden sind inzwischen an den beiden Krankenhäusern Bad Mergentheim und Tauberbischofsheim 64 geworden. Vor dem Hintergrund des zunehmenden Fachkräftemangels in den Pflegeberufen eine willkommene Unterstützung, wie alle Referentinnen und Referenten betonten. Das Entscheidende für Thomas Wigant, zuständig für die BBT-Bildungszentren in der Region und Mitinitiator des Projekts: „Das Wohl aller Beteiligten ist gleichberechtigt: Wir bekommen dringend benötigte Pflegekräfte für unsere Einrichtungen und bieten zugleich jungen Menschen eine Zukunftsperspektive, die sie in ihrem Heimatland nicht haben.“
Die Brisanz des Themas machte Landrat Christoph Schauder deutlich: „Der Main-Tauber-Kreis hat nach Baden-Baden die Bevölkerung mit dem höchsten Altersdurchschnitt in Baden-Württemberg, der Bedarf an Pflegekräften wird künftig weiter steigen. Daher müssen wir einerseits alle heimischen Ressourcen ausschöpfen und zugleich neue Wege gehen, um den Pflegebedarf zu decken.“ Der Landkreis stehe voll hinter dem Kenia-Projekt der BBT-Gruppe. „Herzlich Willkommen im Main-Tauber-Kreis, Sie sind eine Bereicherung für die Region. Wir freuen uns, wenn Sie lange bleiben“, wandte sich Schauder direkt an die Auszubildenden.
Diese Ansicht unterstützte auch der CDU-Landtagsabgeordnete und Oberarzt an der Universitätsklinik Heidelberg PD Dr. Michael Preusch: „Ohne gesteuerte Zuwanderung haben Wirtschaft und Gesundheitsversorgung auf Dauer keine Zukunft in Europa“, machte er klar. Er lobte ausdrücklich das Projekt des Caritas-Krankenhauses und der Hochschule Koblenz. „Sie haben selbst die Initiative ergriffen und das Projekt gestartet und damit erste Erfolge erzielt. Als Land möchten wir von diesen Erfahrungen lernen.“ So habe man im vergangenen Jahr die Landesagentur für die Zuwanderung von Fachkräften gegründet, aber vor allem bei den Anerkennungsverfahren müsse Baden-Württemberg noch Details verbessern, unterstrich Preusch.
Der drohende Pflegenotstand in Deutschland war auch für die Hochschule Koblenz der Ausgangspunkt, das Projekt zu starten. „Kenia hat eine besonders junge Bevölkerung und zugleich ein relativ gutes Schulsystem“, erläuterte Prof. Dr. Christian Lebrenz die Entscheidung für das ostafrikanische Land. „Mehr als 80 Prozent bleiben bis zur 12. Klasse in der Schule. Danach gibt es aber nur sehr wenige Ausbildungsmöglichkeiten und eine hohe Jugendarbeitslosigkeit.“ Mit der Mount Kenya University (MUK) habe man zugleich einen Partner gefunden, der die fünfmonatige Vorbereitung übernehme und der in Kenia anerkannt sei. Vom Auswahlprozess in Kenia über den Vorbereitungskurs in Thika und Mombasa bis zur kontinuierlichen Betreuung in Deutschland begleitet die Hochschule das gesamte Programm intensiv. Nach dem Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim und dem Krankenhaus Tauberbischofsheim haben sich inzwischen vier weitere Krankenhäuser dem Projekt angeschlossen. Prof. Dr. Lebrenz: „Herzlichen Dank an alle im Caritas-Krankenhaus und dem Krankenhaus Tauberbischofsheim, die den Mut hatten, sich auf das Abenteuer einzulassen.“
Eine zentrale Rolle für die Betreuung und Integration der jungen Kenianerinnen und Kenianer spielt die AG Career Hub von Caroline Mwangi. Die Kenianerin hat in Koblenz internationales Management studiert und kennt die bürokratische, sprachliche und kulturelle Kluft zwischen den Ländern aus eigener Erfahrung. Sie ist die zentrale „Brückenbauerin“: zu den Eltern der jungen Menschen in Kenia, im Auswahlverfahren und vor allem bei der Ankunft und dem Alltag in Deutschland. Inzwischen hat sie ein Netzwerk von rund 1800 Kenianern in Deutschland aufgebaut, die sich untereinander austauschen und unterstützen. „Wir sind Professionals in Deutschland. Und ich bin dafür da, damit die Menschen sich hier wohlfühlen, ohne ihre eigene Kultur zu verlieren.“
Die hohe Bedeutung der Begleitung durch die Hochschule Koblenz und Caroline Mwangi für den Erfolg des Projekts unterstrich der Leiter der Bildungszentren am Caritas-Krankenhaus und am Krankenhaus Tauberbischofsheim, Norbert Stolzenberger. Er dankte Prof. Dr. Lebrenz ausdrücklich für die hervorragende Zusammenarbeit und Caroline Mwangi für die intensive Betreuung. In einem kurzen Rückblick schilderte er, welche Hürden zu überwinden waren, bis die ersten sechs Kenianerinnen und Kenianer in Bad Mergentheim ihre Ausbildung beginnen konnten. In einem „bürokratischen Dickicht aus Ausländerbehörde, Arbeitsagentur, Regierungsbezirk, Botschaft, Stadt und Landkreis“ habe es Monate gedauert, bis endlich die Visa ausgestellt waren und die Reise aus Kenia nach Bad Mergentheim beginnen konnte. Nicht zuletzt der Förderverein des Caritas-Krankenhauses habe hier Überbrückungshilfe geleistet. Extrem hilfreich sei auch die Begleitung der Neuankömmlinge durch Auszubildende aus den höheren Jahrgängen gewesen. „Als Best Buddies haben sie den neuen Kolleginnen und Kollegen gezeigt, wo es Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten gibt, und sie bei vielen Alltagsfragen unterstützt.“
Nach den Erfahrungen von fast drei Jahren zieht Norbert Stolzenberger ein durchweg positives Fazit: „Unsere Auszubildenden werden an der Mount Kenya University (MKU) hervorragend vorbereitet und können dem Unterricht gut folgen. Die Leistungen entsprechen dem vorderen und mittleren Niveau der Klasse. Das Feedback aus der Praxis in den Krankenhäusern und Pflegeheimen ist gut, die Akzeptanz bei Patienten und Bewohnern ist – mit Ausnahme einiger weniger Zwischenfälle – vorhanden.“ Vor allem eines werde von vielen geschätzt „Die offene und fröhliche Art der kenianischen Auszubildenden wirkt ansteckend und wird immer wieder besonders hervorgehoben.“ Und die Zahlen sprechen nach Ansicht von Stolzenberger für sich: „2013 hatten wir noch 165 Pflegeazubis am Caritas-Krankenhaus; 2017 waren es noch 137, 2021 dann 104 und 2023 schließlich noch 89. Heute sind es in Bad Mergentheim wieder 135 und im Bildungszentrum am Krankenhaus Tauberbischofsheim konnten wir sogar alle 72 Ausbildungsplätze dank des Kenia-Projekts besetzen. Ihr Anteil beträgt inzwischen rund 30 Prozent.“ Er habe viel Hoffnung, das Projekt weiter gut voranzubringen.
Für den Pflegedirektor des Caritas-Krankenhauses, Frank Feinauer, ist das Projekt schon heute ein „voller Erfolg“. „Wir brauchen kontinuierlich junge Menschen, die im Krankenhaus in der Pflege arbeiten wollen. Daher Danke an die kenianischen Auszubildenden, die unsere Patienten mitversorgen. Sie strahlen eine solche Freude aus – das tut uns allen gut. Und Danke allen Mitarbeitenden im Caritas-Krankenhaus, die die Kenianer gut aufgenommen haben.“ Offenheit und Menschlichkeit sei der Schlüssel, voneinander zu lernen.
Von der ansteckenden Freude konnten sich bei dem Symposium alle Anwesenden überzeugen. Als Spontanchor sangen die kenianischen Auszubildenden traditionelle Lieder aus Kenia. Mit viel Humor berichteten abschließend die beiden Auszubildenden Helena und Leyla von ihren Erfahrungen in Deutschland.